Vertrauen und Symmetrie in der Bildungsarbeit mit Geflüchteten – Ein Erfahrungsbericht zu unserer Arbeit mit Sprach- und Integrationskursen

Gewaltdarstellung Villa

Die Dauerausstellung der Villa ten Hompel behandelt sensibel zu vermittelnde Themen wie die Verbrechen der deutschen Ordnungspolizei im Nationalsozialismus.

Das Thema „Geflüchtete in Gedenkstätten“ wird im Rahmen von Integrationsdebatten immer wieder kritisch diskutiert: Sollen oder müssen Menschen zur Integration Gedenkstätten besuchen? Wenn ja, wann? Unmittelbar nach Ankunft in Deutschland oder vor Abschluss ihres Einbürgerungstests?

Doch auch ohne die teils medial recht prominent platzierte Forderung nach verpflichtenden Gedenkstättenbesuchen sind Geflüchtete tatsächlich längst bundesweit regelmäßig Gäste an außerschulischen Lernorten. Und für diese Besuche müssen wir pädagogische Angebote und Vermittlungskonzepte finden, damit der Gedenkstättenbesuch eine (Wissens-) Bereicherung für die Besucherinnen und Besucher darstellen kann. Deshalb sind die von uns seit fast zwei Jahren durchgeführten Seminare mit Münsteraner Sprach- und Integrationskursen für die Entwicklung unseres Bildungsangebots von besonderer Bedeutung. Schließlich arbeiten wir in diesem Zusammenhang regelmäßig auch mit Geflüchteten und können unsere Konzepte stets weiterentwickeln. Allein im Jahr 2017 durften wir in 9 Veranstaltungen über 110 Gäste im Geschichtsort Villa ten Hompel begrüßen. Erwachsene stellen etwa zwei Drittel der Gäste, doch arbeiten wir immer wieder auch mit Jugendkursen zusammen. Zur Verfügung stehen gewöhnlich 3 Zeitstunden, ein recht knapper Zeitrahmen für unsere zahlreichen (Lern-)Ziele.

Wir möchten uns an dieser Stelle auf zwei Aspekte unseres Seminarkonzepts konzentrieren, die vielleicht als eine Selbstverständlichkeit von (außerschulischem) pädagogischem Handeln erscheinen, von uns jedoch in Bezug auf die „Zielgruppe“ Geflüchtete neu reflektiert wurden: Vertrauen und Symmetrie.

Die Wissensvermittlung zur Geschichte des Nationalsozialismus und den sich aus ihm ergebenden Konsequenzen für die Bundesrepublik Deutschland stellt zwar den „harten Kern“ unserer Seminare dar, doch zeigt unsere Erfahrung, dass ohne einen vertrauensbildenden Einstieg und eine „kommunikative Aufwärmphase“ dieses Vermittlungsziel nur schwer erreicht werden kann. Viele Gäste schildern uns, dass sie keinen Anschluss zu deutschen Muttersprachler*innen finden und so kaum Gelegenheit haben, die Sprache außerhalb von Sprachkursen und Behördengängen anzuwenden. Darüber hinaus befinden sich insbesondere die zahlreichen Gäste mit Fluchthintergrund in einer emotional belastenden und unsicheren Lebenssituation. Parallel zu ihrem Sprachkurs laufen noch Anerkennungsverfahren und häufig sind Teile ihrer Familien und ihrer Verwandtschaft noch in den Herkunftsländern. Deshalb ist aus unserer Sicht die Gestaltung der Seminare als vertrauensvolle Kommunikationsräume von besonderer Bedeutung.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde im Plenum beginnen wir mit einem Kennenlerngespräch in Kleingruppen, die sich im Haus verteilen. Dementsprechend hoch ist der von uns angestrebte Betreuungsschlüssel von einem/r Teamer/in zu zwei oder drei Gästen. In diesem ersten vertrauensbildenden Teil können die Gäste sich in ihrem sicheren Vokabular und den für sie relevanten Themenfeldern bewegen. Beide Aspekte, die sprachliche Aktivierung unserer Gäste und die im Gespräch entstehende Vertrauensatmosphäre, unterstützen im weiteren Verlauf die Zugänge zu den emotional belastenden und sprachlich schwierig zu vermittelnden Inhalten der Dauerausstellung und die Kommunikation zwischen den Teilnehmenden. Gleichzeitig baut das vorbereitende Gespräch Hemmschwellen ab und fördert so die Bereitschaft zum Nachfragen.

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Manchmal geht es für die Teamerinnen und Teamer nur mit Lautschrift: Ein Sprichwortzettel für die Präsentation am Ende des Seminars.

Neben dem Aspekt der Vertrauensbildung stellt die Stärkung einer symmetrischen Beziehung zwischen unseren Gästen und Teamer/innen ein weiteres Ziel unserer Arbeit dar. Grundsätzlich sind die Anstrengungen des Gedenkstättenbesuchs eher einseitig auf den Schultern der Gäste verteilt, da diese sich in einer für sie fremden Sprache artikulieren müssen und sie sich fast permanent in der Rolle von Lernenden befinden. Diese klare Rollenverteilung möchten wir zumindest im Ansatz aufbrechen, indem unsere Teamer/innen im Seminarverlauf zu Lernenden werden und ein Sprichwort in den Muttersprachen der Gäste in ihren Kleingruppen lernen müssen. Die Suche nach Sprichworten und ihren Übersetzungsmöglichkeiten ist nicht zuletzt ein interessanter Gesprächsanlass und bietet häufig Anschlussmöglichkeiten an weitere Themen. Die Präsentation der Sprichworte durch unsere Teamerinnen und Teamer im Plenum stellt den humorvollen Abschluss unseres Seminars dar. Unsere Gäste erhalten so nochmals die Gelegenheit als Expertinnen und Experten unsere Versuche zu berichtigen und zu bewerten.

Die Bildungsarbeit mit den Sprach- und Integrationskursen hat unserem Team gezeigt, wie voraussetzungsreich die „eigentliche“ Wissensvermittlung ist. Wir denken, durch die Schaffung von Vertrauen und dem Aufbrechen einseitiger Lehr-/Lernrollen schaffen wir eine freundliche und konstruktive Atmosphäre, welche den Zugang zu den historisch-politischen Inhalten erleichtert.