Heimatsucher e.V. – Shoa-Überlebende heute

Der Verein Heimatsucher e.V. beschäftigt sich im Kern mit Fragen, die über Jahrzehnte nicht gestellt wurde, deren Antwort jedoch äußerst wichtig für zivilgesellschaftliches Zusammenleben waren und auch heute noch sind.

Was geschah eigentlich nach 1945, nachdem die Konzentrationslager aufgelöst und die Überlebenden der Nazi-Schreckensherrschaft befreit wurden? Was war nötig, um eines Tages wieder einen Alltag leben zu können? Wie verarbeitet man Unrecht, Verfolgung, Gewalt und Verluste? Ist das überhaupt möglich?

Der Verein hat sich mit Menschen in Verbindung gesetzt, die eben dies durchgemacht haben und heute dazu bereit sind, darüber zu sprechen. Aus ersten Kontakten wurden Interviews, aus den Interviews wurde eine Ausstellung und schließlich Projekte mit Schulklassen, die durch die Zeitzeugen einen neuen, persönlichen Zugang zur NS-Geschichte erleben.

Schnittmengen mit den Willkommensstätten

Augenscheinlich gibt es bei der Vereinsarbeit in vielen Bereichen Überscheidungen mit den Willkommensstätten. So liefen sich Vertreterinnen und Vertreter mehrfach auf Tagungen und Veranstaltungen über den Weg und kamen miteinander ins Gespräch.
Bei unserer eigenen Veranstaltung mit dem Titel „Erinnerungskultur und Fluchterfahrung“ intensivierten wir den Kontakt und suchten seitdem nach Punkten, an denen wir uns sinnvoll helfen und Ergänzen können.
Konkret wurde es, als Vanessa Eisenhardt uns in der Villa ten Hompel besuchte. Ein Gang durch die Ausstellung sowie ein Kaffeegespräch später und wir waren uns einig, dass man gemeinsam Projekte machen wolle.

Das erste planen wir für Frühjahr 2018 – vorher lassen es unsere Kalender nicht zu. Jetzt stand aber zunächst unser Gegenbesuch an, damit wir uns ein Bild von der konkreten Arbeit des Vereins machen können.
Dieser fand während eines Workshops an einem Dorstener Gymnasium statt. Dort präsentierte unsere Kollegin den Schülerinnen und Schülern vier Biographien von Holocaust-Überlebenden und diskutierte mit ihnen über die enormen Startschwierigkeiten der Menschen, nachdem ihnen Hass und Gewalt alles genommen hatten.

Dieselben Fragen

Beim Zuhören wurde schnell klar, wo sich die längst vermuteten Anknüpfungspunkte befinden: Wie wir stellen auch die Heimatsucher heraus, dass die Geschichte nicht an einem Punkt zu Ende ist. Was passiert nach einer Ankunft? Wer hilft einem, sich zurechtzufinden? Wer entscheidet eigentlich, wessen Geschichten aufgeschrieben werden und weitergegeben werden?
Die Dorstener Schülerinnen und Schüler sind sehr gut vorbereitet. Sie kennen das benachbarte Jüdische Museum Westfalen und im Geschichtsunterricht wurde zuvor offensichtlich Vorwissen erarbeitet sowie Neugier geschaffen. Dennoch erkennt man, dass es einigen schwer fällt, über die Dinge zu sprechen, die die eigene Vorstellungskraft weit übersteigen.

Ein Vormittag, der nachdenklich macht

Wie schwierig sind dann wohl Projekte mit Schulklassen, deren Lehrplan eine solch komfortable Vorbereitung unmöglich macht? Wie reagiert man auf Tränen und heftigere Gefühlsausbrüche? Was, wenn einzelne Teilnehmende völlig ablehnend reagieren und die Mitarbeit verweigern? Wie geht man mit Vorurteilen und Antisemtismus um? Was geht wohl in den Köpfen vor bei Leuten, die selbst aktuell auf Heimatsuche sind und sich mit ähnlichen Problemen konfrontiert sehen, wie es die Menschen waren, die ihnen vorgestellt werden?
Während der Nachbesprechung verdeutlichten wir beiderseitig den Wunsch, uns über eben jene Fragen intensiv auszutauschen und wenn wir auch keine konkreten Antworten finden werden doch zumindest von den Erfahrungen des anderen Projektes profitieren.