„Unter die Haut“ und „Logbooks“ – Ein pädagogisches Konzept wird zur Ausstellung

Logbooks 4 - Ausstellung

Am 12.06.2017 ist es endlich soweit: Die Ausstellung „Unter die Haut…“ wird im JAZ Münster eröffnet.

Geschichten können unter die Haut gehen und auch unsere eigene Haut mag mitunter dem geschulten Auge so manches biographische Detail verraten. In den letzten Wochen war ich Teil einer Gruppe, die sich die Frage stellte: „Welche Geschichten und Erfahrungen, welche Wünsche und Träume sollen auf meiner Haut zu sehen sein?“
Jedoch haben wir uns nicht bemalt oder gar Tattoos gestochen; nein, wir haben jeder für uns eine zweite Haut entworfen, indem wir weiße Regenmäntel mit Erinnerungen, Statements, mit Zeichnungen und Geschichten, sprich mit unseren Leben füllten. Während der wöchentlichen Treffen kam unsere junge Gruppe aus Geflüchteten und deutschen SchülerInnen über Alltägliches, Existentielles und Politisches ins Gespräch. In dieser Zeit konnte ich nicht nur ein spannendes und kreatives pädagogisches Konzept bei seinen ersten Flügelschlägen begleiten, sondern begegnete beeindruckenden Menschen und erfuhr von ihren bewegenden Geschichten.
Die Kunsthistorikerin Martina Ward ist Urheberin der Idee Zweite Haut, welche den zweiten Teil ihres Projekts Life is change darstellt. In der ersten Phase hatten die jungen Geflüchteten aus Afghanistan, dem Iran, Irak, Syrien, Nigeria und dem Sudan seit Oktober 2016 ihre persönliche Geschichten – ihre Herkunft, Flucht und gegenwärtige Situation – in Form von Logbooks festgehalten. Mit Hilfe verschiedener Methoden und Fragestellungen bekommen die Jugendlichen in den Logbooks die Möglichkeit, sich mitzuteilen und ihre im Übergang begriffene Identität zu sortieren, sie greifbar zu machen. Da der Fokus auf dem Schreiben und Erzählen liegt, machen die Geflüchteten im Prozess der Selbstreflektion gleichzeitig Fortschritte in der deutschen Sprache. Eine grundsätzliche Stärke ihres Themas und Konzepts sieht Martina Ward dabei in der universellen Anwendbarkeit auf jegliche Zielgruppe:  Übergänge, also die Veränderungen in der Identität, seien universelle Prozesse, welche nicht ausschließlich von Migranten oder Geflüchteten, sondern von jedem Menschen in allen Lebensabschnitten durchlaufen werden können. Die Logbooks böten einen niederschwelligen und kreativen Zugang für jegliche Zielgruppe, von Kindern bis Erwachsenen. Das beeindruckende Konzept und sein schönes Design birgt aus Sicht des Willkommensstätten-Teams großes Potential auch für die historisch-politische Bildung, welche Partizipation und Selbsterfahrung der Teilnehmenden fördern möchte.

Logbooks 6 - Projektteilnehmende und Logbooks

Auch die Projetkteilnehmenden werfen bei der Ausstellungseröffnung einen Blick in die Logbooks.

Die zweite Phase des Projekts knüpft konzeptionell nahtlos an den Logbooks an, denn durch die Gestaltung der Regenmäntel war Eigeninitiative gefordert, unsere Identität zu reflektieren und kreativ auf der zweiten Haut festzuhalten. Zwangsläufig sind wir dabei auf der Suche nach den wichtigen Dingen unseres Lebens miteinander ins Gespräch gekommen – eine besonders wertvolle Erfahrung im Gestaltungsprozess: Bereits ein Gespräch über Basketball und zum Bekanntheitsgrad Dirk Nowitzkis in Syrien vermittelte einen Eindruck vom früheren Alltag im Frieden – eine Perspektive auf die Herkunftsländer der Geflüchteten, die in Deutschland wohl häufig zu kurz kommt. In Gesprächen würden Deutsche das Bild seines Heimtlandes Syrien meistens auf das zerstörte Aleppo reduzieren, so mein Basketball spielender Gesprächspartner: „Die sind immer total überrascht, wenn ich denen Bilder von Straßen voll Leben und blühenden Parks zeige“. Und auch ich merke, obwohl ich annehme mich mittlerweile ein wenig intensiver mit Syrien oder dem Irak beschäftigt zu haben, mit Blick in die Runde: „Wie wenig weißt Du eigentlich von Nigeria und dem Sudan…“. Ein weiterer Anstoß, mich mit allen Gruppenmitgliedern auszutauschen.

Im Laufe der Wochen tasteten wir uns an existentielle und politische Themen heran: Ich erfuhr, wie schwierig es für viele aus der Gruppe ist, zwischen Familie und persönlicher Entfaltung, zwischen Behördengängen und Zukunftsträumen zu balancieren und dabei die wichtigsten Ziele im Blick zu behalten: Den Sprachkurs zu bestehen, eine Ausbildung zu erhalten, Anschluss an die Gesellschaft zu finden und eine Perspektive zu haben.  Gemeinsam bemerkten wir auch, wie nah Menschen sich in grundsätzlichen Fragen stehen können: Die Ergebnisse unserer Diskussion zur Bedeutung von „Freiheit“ flossen mit in die Gestaltung unserer Mäntel ein. Einen Eindruck verschafft man sich am besten selbst: Die Mäntel können seit dem 12.06.2017 im JAZ angesehen und angezogen werden. Ergänzt werden die Eigenkreationen durch eine Reihe eindrucksvoller Videointerviews mit den Projektteilnehmenden, welche in der Ausstellung abgespielt werden. Hingehen, anschauen und anfassen: unbedingt empfehlenswert!

Die Ausstellung „Unter die Haut… wenn Regenmäntel zu Buchseiten werden“ kann vom 21.06. bis 14.07. und vom 31.07- bis 25.08.2017 während der Öffnungszeiten des JAZ (Jugendausbildungszentrum Münster) besucht werden.
Mehr Informationen zum Konzept Life is change erhalten Sie bei Martina Ward unter https://www.award-associates.com/kontakt/