Das selbstständige Nachdenken über den Holocaust durch Kunst: Die Gedenkwerkstatt – Interview mit Anna Zosik

Unsere Mitarbeiterin Stephanie hat in Bochum Anna Zosik getroffen. Die Künstlerin und Projektmanagerin hat 2009 in der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz eine ‚Gedenkwerkstatt‘ konzipiert, in der Besucher ihre Eindrücke kreativ zum Ausdruck bringen konnten. Mit Stephanie sprach sie über ihre Eindrücke sowie die Potenziale von kunstpädagogischen Projekten an Erinnerungsorten.


Willkommensstätten: Wie kamst du als Künstlerin dazu, dich thematisch mit dem Thema Holocaust zu befassen?

In erster Linie aus einem persönlichen Interesse. Das Thema „Zweiter Weltkrieg“ hat mich seit meiner Jugend interessiert. Ich habe mit 16 oder 17 Jahren eine Biographie von Hitler gelesen. Auf einer Schulreise war ich mit meiner Klasse in zwei Konzentrationslagern, in Auschwitz und in Majdanek. Das waren sehr starke Eindrucke und ein bleibendes Erstaunen darüber, wie so etwas möglich war. Und diese Frage stellen sich vermutlich viele Menschen. Dieses organisierte Töten, dass mehr mit Logistik als mit Hass zu tun haben schien, hat mich am meisten verstört. Ich habe viele Bücher zu dem Thema gelesen, viele Filme angeschaut. Später in Berlin im Jahr 2006 habe ich ein Vermittlungsprojekt, „Die Denkwerkstatt“, anlässlich der Ausstellung „Hannah-Arendt-Denkraum“ in der Jüdischen Mädchenschule in Berlin gemacht. Auch da ging es um den Zweiten Weltkrieg und um das Thema Holocaust.

Willkommensstätten: Kannst Du mehr zu dem Projekt erzählen?

Zu der Ausstellung wurden 13 internationale Künstler*innen eingeladen, sich mit dem Werk von Hannah Arendt zu beschäftigen. Ich wurde gebeten einen künstlerischen Vermittlungsraum zu konzipieren. Es entstand eine „Denkwerkstatt“ als dreidimensionales Besucherbuch. Sie war mit Begriffen „Denken“, „Nachdenken“, „Überdenken“, „Weiterdenken“ etc. – als sozusagen Denkkoordinaten sowie Schwarz-Weiß-Kopien der künstlerischen Arbeiten, ausgestattet. Im Grunde genommen war dieser Reflexionsraum ein Experiment, ob ein solcher Raum gebraucht wird.

Denkwerkstatt

Denkwerkstatt

Willkommensstätten: Und wie hat er funktioniert?

Die „Denkwerkstatt“ stand sechs Wochen lang offen und ich war gespannt, was sich dort für eine Dynamik entwickeln würde. Ich habe bewusst leicht zugängliches Material ausgelegt – Papier, Stifte, Klebeband – damit keine Zugangsbarriere besteht. Interessanter Weise bestand in den ersten zwei Woche eine Berührungsangst mit dem Raum, bevor es plötzlich eine regelrechte Explosion an Kommentaren und Beiträgen gab. Ich habe dann die Aufsicht gefragt und erfahren, dass die Besucher einzeln in den Räumen waren. Es war also ein individueller Prozess innerhalb eines Schutzraumes. Dabei waren es sehr unterschiedliche Kommentare: zu Hanna Arendts Person und ihrem Werk, zu den künstlerischen Werken, viele Zeichnungen, auch Gedichte, ernsthafte, humorvolle. Irgendwann begannen die Besucher*innen aufeinander zu reagieren. Es hat sich ein Raumgespräch entwickelt.

Willkommensstätten: Während meiner Recherchen zum Thema kunstpädagogischer Ansätze innerhalb von Gedenkstätten, bin ich auf dich und dein Projekt „Gedenkwerkstatt“ gestoßen, welches 2009 in Oświęcim (Auschwitz) stattfand. Welche Intention hattest du als Künstlerin, an einer Gedenkstätte ein partizipatives Projekt zu konzipieren?

Vom Ansatz her war die „Gedenkwerkstatt“ eine Weiterführung des Konzeptes aus der „Denkwerkstatt“. Meine Fragestellung war: Wie kann man Eindrücke aus den Besuchen von Gedenkstätten verarbeiten? Wie kann man sich mit dem Thema Holocaust befassen, ohne in Denkklischees zu verfallen? Wie kommt man zum selbstständigen Denken über das Geschehene? Das Projekt „Gedenkwerkstatt“ war ein Versuch einen Reflexionsraum über diesen Teil der Geschichte zu schaffen.
Das Projekt war für drei Monate in einem Container der Jugendbegegnungsstätte installiert. Wie in der „Denkwerkstatt“, war auch hier nicht vorgegeben was zu tun ist und worüber man sich äußern sollte. Die Begriffe, die ich an den Wänden angebracht habe: POLITIK, OHNMACHT, MECHANISMEN, GELD, etc. sowie einige Fotos aus der Geschichte des Holocaust und aus der Gegenwart, die ich zu schwarz-weißen linearen Grafiken überarbeitet habe, dienten als Bezugspunkte für die Besucher*innen. Es stand für die Besucher*innen offen, an welcher Stelle sie die Auseinandersetzung für sich aufnehmen möchten. Manche der Jugendlichen waren dankbar für diesen Raum, manche fühlten sich in dieser Entscheidungsfreiheit zuerst verloren.

Gedenkwerkstatt

Gedenkwerkstatt

Willkommensstätten: Kunst kann also ein Mittel zur Reflexion sein?

Kunst kann vieles. Für mich waren beide Projekte ein Anlass zum Nachdenken. Die Reflexion des Holocaust ist sehr stark auf eine Art und Weise kontrolliert. Die Lehrer*innen erwarten, dass Jugendliche nach dem Besuch einer Gedenkstätte sagen „Nie wieder Krieg“ oder Ähnliches. Das ist auch nachvollziehbar. Und das sagen sie auch und das meinen sie auch meistens. Damit ist aber auch die Auseinandersetzung beendet. Das ist eine Art Bequemlichkeit des Denkens. Hannah Arendt hat dazu gesagt – was ich immer großartig fand – dass es keine gefährlichen Gedanken gibt, sondern dass das Denken selbst gefährlich ist. Oftmals wird nicht reflektiert, wieso das eigentlich schrecklich war oder wieso das passiert ist und vor allem: Was hat das mit einem selbst zu tun und mit der Gegenwart? Man sollte sich nicht an für uns Vorgedachtes halten, sondern sich selber eine Meinung bilden und auch andere Positionen anhören, mit diesen diskutieren.

Willkommensstätten: Die Reflexion stand dann also in unmittelbarer Verbindung mit der eigenen Person und der eigenen Wahrnehmung?

Ja, das Projekt lebt von diesen persönlichen Denk-Momenten. Das ist, glaube ich, seine Qualität. Bei der Gedenkwerkstatt wurden natürlich Sprüche wie „Nie wieder Krieg“ produziert, aber darüber hinaus auch viele Gedichte und Songs, persönliche Bezüge zu eigenen Erfahrungen hergestellt. Zum Beispiel schrieb ein polnischer Jugendlicher aus Oświęcim darüber, wie schwer es sich an einem Ort und in einer Stadt lebt, die nur mit Massenvernichtung assoziiert wird.

Willkommensstätten: Gab es Momente in denen sich die Grenzen der Kunst und ihrer Möglichkeiten abzeichneten?

Natürlich gab es auch so einen Moment und ich überlege nach wie vor, wie man damit umgeht. In beiden Projekten, sowohl in der „Denkwerkstatt“ als auch in der „Gedenkwerkstatt“ in Auschwitz haben Besucher*innen entschieden, wie sie das Angebot nutzen wollen. Bei solch einem Konzept besteht eine Gefahr der sogenannten „political incorrectness“. Und das ist auch die Absicht. Man sollte aber dabei Dummheit und Provokation als Selbstzweck von der kontroversen Diskussion unterscheiden. Schwierig wurde es für mich, als ganz präsent ein Hakenkreuz auf einen Zettel gemalt und in der „Denkwerkstatt“ aufgehängt wurde. Das Hakenkreuz hatte ich dann nach Überlegungen in die „Denkrestekiste“ getan. Es wurde viel über das Hakenkreuz und ob es im Raum hängen darf oder nicht, diskutiert. Das hat aber meiner Meinung nach die eigentliche Diskussion, um die es mir ging, sehr verflacht und uns auch nicht weitergebracht. Natürlich frage ich mich, ob ich damit nicht selbst meine Idee torpediere.

Willkommensstätten: Ich möchte nochmal zur Gedenkstätte als Ort zurückkommen, an dem das künstlerische Konzept zum Tragen kommt. Worauf muss dort besonders geachtet werden?

Ich glaube, die Gedenkstättenpädagogik entwickelt sich ganz stark in ihren pädagogischen Konzepten. Es ist wichtig eine persönliche Haltung zu diesen Inhalten zu entwickeln, zu lernen und überhaupt eine Fragestellung zu entwickeln. Und das an einem Ort, wo diese Fragestellung womöglich gar nicht so leicht zu beantworten, aber wo sie kontrovers zu führen ist. Das hilft weiter. Gerade in der verbalen Vermittlung ist es wichtig, sich durchaus auch auf andere kontroverse Positionen einzulassen und herauszufinden, was man als individuelle Person mit Geschichte zu tun hat. Geschichte ist immer durch die Gegenwart konstruiert und wird durch sie rezipiert. Wir aus der Gegenwart haben immer etwas damit zu tun, wie wir die Vergangenheit sehen und interpretieren. Daher ist die Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart zentral. Gerade jetzt befinden wir uns in einem spannenden und durchaus gefährlichen Moment, was Fragen der Radikalisierung in der Gesellschaft betrifft. Damals entwickelte sich eine Stimmung in der Gesellschaft und dadurch war eine entsprechende Entwicklung möglich. Und jeder Einzelne hat eine Verantwortung innerhalb dieser Entwicklung.

Willkommensstätten: Könnte man sagen, dass Kunst in diesem Sinne als Partizipationsmoment funktioniert? Insbesondere als ein nonverbaler Partizipationsmoment?

Ja, aber auch als verbaler. Ich bin nicht jemand, der Kunst nur im ästhetischen Sinne versteht. Ich verstehe Kunst als eine inhaltliche, ästhetische und emotionale Auseinandersetzung – besonders in diesem Kontext.

Willkommensstätten: Bieten künstlerische Methoden eine Möglichkeit, mit geflüchteten Menschen in den Gedenkstätten zu arbeiten?

Ich würde da sehr vorsichtig sein. Geflüchtete Menschen haben oft traumatisierende Erfahrungen gemacht. Darauf sollte man unbedingt achten. Die Frage des Zeitpunktes ist daher sehr wichtig. Darüber hinaus sollte unbedingt ein breit abgestecktes Team dabei sein, welches diverse Kompetenzen mitbringt – Sozialarbeiter, Menschen, die sich mit Traumata beschäftigen usw. – damit die Gefahr einer (Re-)Traumatisierung nicht besteht. Ich denke auch, dass die Gedenkstätte sich mehr um Pädagogen*innen bemühen sollen, die selbst einen migrantischen Hintergrund haben und weitere Sprachkompetenzen mitbringen.
Außerdem ist es wichtig sich mit den kulturellen Kontexten aus denen die Personen stammen, zu beschäftigen. Wie setzen sich diese mit Erinnerungskultur auseinander? Ist das Konzept der Gedenkstätte überhaupt bekannt? Natürlich besteht Erinnerungskultur nicht nur in Deutschland oder Europa. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigene Geschichte ist im deutschen Kontext etabliert. Von Menschen, die das nicht kennen, kann das ganz anders verstanden werden. Das ist wichtig zu wissen. Und auf dieser Grundlage kann über die Benutzung von künstlerischen Mitteln gesprochen werden. Das ist ein komplexer und sensibler Prozess.

Willkommensstätten: Du nennst wichtige und interessante Aspekte, die oft für selbstverständlich gehalten werden. Deswegen denke ich, ist es wichtig, verschiedene Möglichkeiten der Partizipation und des Kennenlernen zu finden.

Ich möchte auch noch kurz über deine Arbeit bei der Zukunftsakademie sprechen. In dem Selbstverständnis der Zukunftsakademie bin ich auf den Begriff des „Neuen Wir“ gestoßen. Könntest du kurz erklären, was das ist?

Seit 2005 versteht sich Deutschland offiziell als Einwanderungsland. Die Frage von dem „Neuen Wir“ ist die Frage danach, wie sich die Gesellschaft auf den Migrationsprozess einstellt. Wie beschreibt und definiert sich Deutschland als Vielfaltgesellschaft selber? Wie werden die Generationen, die hier leben und einen Migrationshintergrund haben, als Teil der Gesellschaft wahrgenommen? Wer gehört dazu und wer nicht? Das ist eine riesige Frage über Diskriminierungserfahrungen, Gleichberechtigung und über Zugangschancen usw. Nach wie vor verschärft sich diese Diskussionen leider und schwillt nicht ab. Das ist ein sehr langwieriger Prozess mit vielen Spannungen. Dieser Prozess muss bearbeitet und reflektiert werden. Deswegen ist diese Suche nach dem „Neuen Wir“ aktuell sehr wichtig. Die Zukunftsakademie bearbeitet entsprechend Themen der Zukunft, der Stadtgesellschaft, der Diversität und der kulturellen Bildung, reflektiert sie und bringt sie nach außen.

Willkommensstätten: Könntest du zum Abschluss kurz zusammenfassen, wie kulturelle Bildung und politische Bildung voneinander profitieren können?

Naja, das ist ein breites Thema mit vielen Ansätzen. Die Bundeszentrale für politische Bildung etwa hat eine große Spalte, die sich mit kultureller Bildung befasst, z.B. Projekte kultureller Bildung, die im Bereich der Geschichte stattfinden. Eine ästhetische Auseinandersetzung passiert hier immer vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Oder umgekehrt. Dazu gehört neben der künstlerischen Tätigkeit auch Forschungs- und Recherchearbeit – eine Reflexionsarbeit. Nehmen wir mal an, man nimmt eine Kamera und ist in einer Gedenkstätte unterwegs. Man versucht das einzufangen, was einem am meisten auffällt oder inhaltlich berührt. Dann entsteht immer durch das künstlerische Mittel eine Verknüpfung zur eigenen Person.

Willkommensstätten: Also sind künstlerische Mittel ein Weg, um eine Fragestellung zu entwickeln, die aus der eigenen Person und ihrem Standpunkt heraus entstehen?

Absolut. Erst einmal entwickele ich eine eigene Fragestellung und mit dieser arbeite ich weiter. Anschließend versuche ich zu diesen Fragestellungen eine Haltung zu entwickeln. Dies ist im Kontext von Geschichte oft eine politische Haltung, die ich formulieren und mit der ich argumentieren muss. Und wenn ich anfange zu argumentieren, setzte ich mich automatisch mit anderen Haltungen auseinander. Das hat viel miteinander zu tun.

Die Fragen stellte Stephanie Kanne. Das Interview fand am 07. März 2017 in der Zukunftsakademie in Bochum statt.


Anna Zosik ist Künstlerin, Kuratorin, Kunstvermittlerin, Projektmanagerin

Anna Zosik

Anna Zosik

  • Kunststudium an der Hochschule der Künste, Wroclaw
  • DAAD Stipendium und Meisterschülerin an der Universität der Künste, Berlin
  • Weiterbildungsstudium am „Institut für Kunst im Kontext“ an der UdK Berlin
  • Mitbegründerin und Kuratoriumsmitglied des Kunstvereins artransponder e.V., Mitbegründerin vom eck_ik büro für Arbeit mit kunst, Teaching Artist an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Projektmanagerin Kulturelle Bildung bei Kulturprojekte Berlin GmbH
  • Seit 2015 Projektmanagerin Kulturelle Bildung an der Zukunftsakademie NRW in Bochum.

Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Auslotung von gesellschaftlichen, kommunikativen Potenzialen der partizipativen Kunst sowie in der Verbindung von Kunst und Erinnerungskultur.