Bochumer Versprechen: Die Verbindung von Erinnerungskultur und Kunst – Interview mit Pascal Boveé

Unsere Mitarbeiterin Stephanie Kanne hat sich mit Autor Pascal Bovée im Essener Folkwang Museum getroffen, um über den Zusammenhang von Kunst und Geschichte sowie sein Projekt „Bochumer Versprechen“ zu reden.


Willkommensstätten: Als Autor bist Du kein Künstler im stereotypischen Sinne. Was machst du derzeit?

Ich bin gerade Writer in Residence bei PACT Zollverein in Essen. PACT ist ein choreographisches Zentrum, das international und kunstspartenübergreifend ausgerichtet ist. Einmal im Monat erscheint im Rahmen meiner Residenz dort eine Kolumne von mir. Darin geht es um das, was mich hier in Essen verwundert oder neugierig macht. Das, was ich wahrnehme, während ich mich als
eine Art unbeteiligter Beobachter kreuz und quer durch den Stadtraum bewege. Das ist ein großer Luxus, denn ich kann versuchen, Dinge im Stadtleben zu betrachten, für die andere keine Zeit oder keine Muße haben. Zum Beispiel fahre ich mit der Straßenbahn zu allen Endstationen und überlege, warum die Tram eigentlich gerade dort endet, wo sie endet.

Willkommensstätten: Wie bist Du mit Gedenkstätten in Kontakt getreten?

Die Freundin meiner Mitbewohnerin Maria, mit der ich damals gemeinsam in Münsters Hafenviertel gewohnt habe, hat mich gefragt, ob ich in der Villa ten Hompel arbeiten möchte. Ich bin ja eigentlich studierter Politikwissenschaftler. In der Villa fand damals gerade ein Kooperationsprojekt mit einer niederländischen Schulklasse statt und da ich Niederländisch spreche (mein Vater kommt aus den Niederlanden), habe ich dabei gedolmetscht. Später habe ich dann auch im pädagogischen Team an Seminaren und Gedenkstättenfahrten mitgewirkt. Vor meiner Mitarbeit in der Villa habe ich aber auch privat schon einige Gedenkstätten besucht, einfach weil Geschichte mich schon immer interessiert hat.

Willkommensstätten: Wie würdest Du Dein Projekt „Bochumer Versprechen“ beschreiben?

Die Bochumer Versprechen sind Hörstationen, die man in Bochum im öffentlichen Raum besuchen kann. Man kann sich dort mit dem Smartphone kurze Hörstücke zu Gebäuden und ihrer Geschichte anhören. Es geht dabei speziell um das, was bei der Eröffnung der Gebäude versprochen wurde – und das, was heute aus diesen Gebäuden geworden ist. Die Bochumer Versprechen waren ein Folgeprojekt zu einer performativen Ausstellung der Künstlerin Almut Pape. Performativ, weil es auch Personen gab, die zum Beispiel historische Figuren wie den preußischen Kronprinz darstellten, der die Bochumer Jahrhunderthalle eröffnet hat. Mein Beitrag war ein Historische-Reden-Karaoke, bei dem die Ausstellungsbesucher die Eröffnungsreden der Bochumer Gebäude selbst halten konnten. Für die Ausstellung und die späteren Hörstationen haben wir Gebäude in Bochum ausgewählt, die bestimmte Epochen der Stadtgeschichte repräsentieren. Dabei war uns nicht unbedingt wichtig, die bekanntesten Bauten zu nehmen, sondern solche, die unterschiedliche Aspekte der Geschichte beleuchten. Zum Beispiel die erste U-Bahn-Linie, die Universität oder das Einkaufszentrum Ruhrpark. Das wurde nach dem Krieg nach amerikanischem Muster erbaut und stand für den wirtschaftlichen Wiederaufschwung. Zur Eröffnung, das war damals überall in der Presse zu lesen, gab es gratis 500 Schnittchen. In den 70er Jahren wurden in den Einkaufspark dann bekannte Fluxus-Künstler eingeladen, auch um ihn für Besucher attraktiv zu machen. Für uns ein Ort mit einer spannenden Geschichte.

Willkommensstätten: Zu den einzelnen Gebäuden und Orten haben Almut Pape und Du Hörspiele produziert. Wie wurde durch diese Geschichte vermittelt?

Wir haben viel mit authentischem historischen Material gearbeitet, das wir dann teilweise ergänzt oder künstlerisch verfremdet haben. Zu den Eröffnungen der einzelnen Gebäude wurden zum Beispiel Reden gehalten, deren Texte oder Tonaufnahmen wir recherchiert haben, unter anderem im Bochumer Stadtarchiv. Teilweise haben wir die Originalaufnahmen verwendet, teilweise auch die Reden und die bis ins Detail in städtischen Protokollen durchgeplanten Eröffnungszeremonien reenacted. An den Gebäuden kann man sich nun anhören, inwieweit die Versprechen, die damals gegeben wurden, eingehalten worden sind, inwieweit sich mit den Gebäuden verbundene Hoffnungen für Bochum erfüllt haben oder nicht. Man kann die jetzigen Gebäude und ihre heutige Nutzung sozusagen an den ursprünglichen historischen Vorhaben spiegeln.

Willkommensstätten: Passen Kunst und Geschichte Deiner Meinung nach zusammen?

Ja, das passt zusammen, es bedingt und inspiriert sich gegenseitig. Und es besteht auch ein gewisses Spannungsverhältnis. Als Künstler, besonders als Autor, bezieht man sich oft auf Geschichte. Dabei darf man verfremden, auch erfinden, aber man sollte nicht verfälschen, meine ich. Wenn ich mich mit einem historischen Thema auseinandersetze, etwa mit dem Nationalsozialismus, habe ich an mich selbst den Anspruch vorerst gut zu recherchieren, um genau zu wissen, was ich tue. In dem Text, an dem ich im Moment arbeite, verwerte ich eigene historische Erinnerungen, das heißt dazu habe ich selbst noch Bilder im Kopf. Vor allem wenn ich die Epoche, zu der ich arbeite, aber selbst nicht mehr miterlebt habe, steckt in der Recherchearbeit für mich eine besondere Verantwortung. Als Künstler arbeitet man in der Regel sinnlicher und subjektiver als ein Historiker, der als Wissenschaftler da eine nüchternere, allgemeinere Herangehensweise braucht. Aber auch für mich ist es wichtig zu versuchen, zunächst ein umfassenderes Bild mit mehr als einer Perspektive zu bekommen, wenn ich mit historischen Ereignissen umgehe. Auch wenn man sich einer objektiven Geschichte natürlich immer nur annähern kann, selbst als Wissenschaftler. Man sollte zum Beispiel beachten, dass Geschichte selbst in Gedenkstätten zum Teil auch immer eine Inszenierung von Geschichte ist.

Die Fragen stellte Stephanie Kanne. Das Interview fand am 08.03.2017 im Folkwang Museum in Essen statt.

Wer jetzt selber mal die Hörspiele austesten will, kann dies gerne tun (http://www.bochumer-versprechen.de/)


Pascal Bovée

Pascal Bovée